Workshops und Seminare vor „Studio31“

Bis im Sommer 2015 fanden zahlreiche Workshops, Seminare und Konzerte statt, die in ihrer Summe den Ausschlag gaben, das Forschungsprojekt „Studio31“ ins Leben zu rufen. Dieser Post fasst diese Aktivitäten zusammen.

2007: 24-tönige Klaviatur

Markus Krebs baute im Jahr 2007 eine 24-tönige Klaviatur für Johannes Keller. Diese Klaviatur ermöglichte eine intensive praktische Auseinandersetzung mit dem Repertoire und den Anwendungsmöglichkeiten enharmonischer Musik.1Erfahrungsbericht siehe hier: und .

2007-2013: Konzerte mit Alter Musik

Das 24-tönige Cimbalo Cromatico wurde seit 2007 in zahlreichen Konzerten mit Repertoire aus dem 16. und insbesondere aus dem 17. Jahrhundert verwendet. Überraschenderweise geht es dabei nicht vor allem um exotische Experimentalkompositionen, sondern um gängige und bekannte Musik: Monteverdi, D’India, Gesualdo, Ferrari, M. Rossi, Frescobaldi, etc.

Zu den Aufführungen gehören Konzerte am Engadin Festival, dem Theater Basel, den Friedenauer Kammerkonzerten in Berlin, der Kellaway Concerts am St Catharine’s College in Cambridge, in der Villa Massimo Rom, am Festival „Cordes sensibles“ in Südfrankreich, u.v.m.

Die Vielzahl der Konzerte zeigt, dass der Einsatzbereich enharmonischer Instrumente in der Alten Musik breit und vielfältig ist. Die Verwendung solcher Klaviaturen und des damit verbundenen Tonsystems fügt sich selbstverständlich und natürlich in die Aufführungspraxis des entsprechenden Repertoires ein.

April 2011: Symposium in Gent

Im April 2011 wurde Martin Kirnbauer von der Orpheus Academy in Gent eingeladen, einen Beitrag zum Thema der Vieltönigkeit zu machen. Im Rahmen dessen führten Gunhild Alsvik (Sopran) und Johannes Keller mit seiner 24-tönigen Klaviatur einschlägige Stücke auf und untermauerten am und mit dem klingenden Instrument die Argumentation von Martin Kirnbauer.

Sommer 2011: Mikrotonalitäts-Kongress Stuttgart

Im Juni 2011 fand an der Musikhochschule Stuttgart ein Kongress über Mikrotonalität statt. Eingeladen von Caspar Johannes Walter spielte Johannes Keller mit seinem 24-tönigen Cembalo eine wichtige Rolle und vertrat die Seite der historischen »Mikrotonalität«, gemeinsam mit Martin Kirnbauer (Musikwissenschaftler), Gunhild Alsvik (Sopran) und Eva Saladin (Violine). Im Rahmen eines wissenschaftlichen Referates, einer praktischen Präsentation, eines Workshops mit Cembalostudenten und von Konzerten wurden die Möglichkeiten des Cembalos in historischem und zeitgenössischen Repertoire vorgestellt. In der Kompositionsklasse von Caspar Johannes Walter entstanden mehrere Miniaturen für das enharmonische Cembalo, die im Rahmen des Kongresses in Konzerten uraufgeführt wurden. Angeregt von Caspar Johannes Walter wurde auch eine 24-tönige pythagoreische Stimmung ausprobiert, die ebenfalls für die Uraufführung einer kurzen Studie verwendet wurde.

Juni 2012: Uraufführung „Castillo interior“

Unter der künstlerischen Leitung von Mirella Weingarten wurde an der Schlossmediale Werdenberg 2012 unter anderem das Stück »Castillo interior« des Komponisten José Sanchez-Verdù uraufgeführt. Das Stück verwendet nebst einem zweichörigen Vokalensemble (Neue Vocalsolisten) eine Barockvioline (Leila Schayegh), eine Theorbe (Juan Sebastian Lima) und ein enharmonisches Cembalo (Johannes Keller). José Sanchez-Verdù wurde durch das 24-tönige Instrument von Johannes Keller zu dieser Komposition angeregt und wurde speziell für dieses Instrument komponiert.

November 2012: klangzeitort Berlin

Auf Initiative des Komponisten Marc Sabat wurde im November 2012 ein zweitägiger Workshop und ein Konzert zum Thema Vieltönigkeit und Mikrotonalität durchgeführt. Veranstalter war das Institut für Neue Musik (Klanzeitort) Berlin, die Referenten waren Johannes Keller, Jan Thomer (Countertenor) und Eva Saladin (Violine). Neben der Präsentation der einschlägigen historischen Literatur boten die Workshops Freiraum für die Kompositions-Studenten, eigene Konzepte zu diskutieren und neue Stimmungen auszuprobieren. Die Studenten wurden zu eigenen Studien über die Möglichkeiten enharmonischer Klaviaturen angeregt. Das Institut zieht die Anschaffung eines 31-tönigen Cembalos in Erwägung, um eigene Projekte mit vieltöniger und mikrotonaler Musik realisieren zu können.

November 2012: Workshop in Groningen

Auf Einladung des Cembalo-Dozenten des Konvervatorium in Groningen, Johan Hofmann, präsentierte Johannes Keller im November 2012 sein enharmonisches Cembalo. Die Einführung in die mitteltönige Stimmung und ihre vieltönigen Folgen war für die Studenten eine überraschende Horizonterweiterung. Die Konfrontation mit den fremdartigen Effekten dieser einst so gebräuchlichen Stimmung bildet das Fundament des Verständnis der Musik aus dem 16. und 17. Jahrhundert und könnte ohne die physische Präsenz eines enharmonischen Instrumentes nicht so sinnlich und eindrücklich vermittelt werden.

November 2012: Cambridge

Gemeinsam mit Maggie Faultless führte Johannes Keller mit Unterstützung von Jan Thomer (Counter- tenor) und Eva Saladin (Violine) ein Seminar und ein Konzert am St. Catharine’s College in Cambrigde durch. Der Initiator der Veranstaltung, Edward Wickham (Director of Music), hatte Johannes Keller und sein Instrument am Seminar an der Orpheus Academy in Gent kennengelernt. Das Thema wurde bisher in England kaum von praktischen Musikern beachtet und stiess auf breites und intensives Interesse. Auch hier konnte beobachtet werden, dass die Existenz eines hochwertigen, klingenden Instruments das stärkste und überzeugendste Argument ist.

Oktober 2012: Uraufführung „Recitativi“

Im Sommer 2012 beschäftigte sich der slowenische Komponist Vito Žuraj mit dem 24-tönigen Cembalo von Johannes Keller. Ihn interessierte in erster Linie die Möglichkeit, vierteltönige Akkorde bequem greifen zu können. Als Studie über die klanglichen Möglichkeiten, die Art der Notation, die kompositorische Verwendung und die spieltechnische Umsetzung komponierte er den Miniaturen-Zyklus »Recitativi«. Das Stück ist gewissermassen ein Katalog der Möglichkeiten des vierteltönig gestimmten Cembalos. Die Uraufführung fand im Oktober 2012 am alljährlichen Festakt der Akademie Musiktheater heute der Deutsche-Bank-Stiftung im Foyer der Oper Frankfurt statt. Mit dem Tenor Daniel Pataky und Johannes Keller an seinem 24-tönigen Cembalo. Dieses Stück bildet die Basis für die Verwendung des 24-tönigen Cembalos in weiteren Werken von Vito Žuraj, siehe unten.

Dezember 2012: Espaces sonores in Basel

Die Espaces Sonores, ein Symposium der Musikakademie Basel, widmete sich 2012 dem Thema »Stimmungen, Klanganalysen, spektrale Musiken«. Martin Kirnbauer, Musikwissenschaftler und einer der wenigen Spezialisten im Feld der historischen Vieltönigkeit, hielt ein Referat über dieses Thema. Ergänzt wurde das Referat von Aufführungen exemplarischer Stücke durch Alice Borciani (Sopran), Eva Saladin (Violine), Brigitte Gasser (Viola da Gamba und Lirone) und Johannes Keller (Cimbalo Cromatico). Für Martin Kirnbauer ist das ausschlaggebende Argument das klingende Instrument. Ohne die Existenz enharmonischer Instrumente wäre das Erforschen, das Nachvollziehen und schliesslich das Verstehen vieltöniger Musik (und ihrer Spielweise, Ästhetik und musikgeschichtlicher Bedeutung) wesentlich indirekter und in gewissen Aspekten ganz unmöglich.

Januar 2013: Uraufführung „Restrung“

Aufbauend auf seinen Erfahrungen mit dem 24-tönigen Cembalo von Johannes Keller verwendete Vito Žuraj dieses Instrument in einem wesentlich grösseren Kontext. Sein Werk »Restrung«, einer Auftragskomposition der BHF-Bankstiftung, wurde im Januar 2013 unter Leitung von Kasper de Roo vom Ensemble Modern in Frankfurt als Eröffnung des Festivals Positionen 2013 uraufgeführt. Als Gastmusiker spielte Johannes Keller sein 24-töniges Cembalo und ein vierteltönig skordiertes Klavichord. Vito Žuraj plant das Instrument auch bei weiteren Werken einzusetzen. Die Begegnungen mit den Musikern des Ensemble Modern haben bestätigt, dass enharmonische Tasteninstrumente auf breites Interesse stossen und das künstlerische Potential für zeitgenössische Musik zweifellos immens ist. Die Ergänzung des Instrumentariums um eine vieltönige Orgel bzw. ein Cembalo mit noch mehr Tasten pro Oktave wäre für ihn eine wertvolle Bereicherung in seinem Komponieren.

Januar 2013: Uraufführung „Orlando“

Die Produktion »Orlando« stellt die Abschlussproduktion des Jahrgangs 2010–2012 der Akademie Musiktheater heute dar. Drei Komponisten, vier Regisseure, drei Dramaturgen bzw. Libretto-Autoren, zwei Bühnenbildnerinnen und ein Dirigent kreierten in Kooperation mit dem Theater Bielefeld die dreiteilige Oper »Orlando«. Der erste Teil wurde von Vito Žuraj komponiert. Er verwendete wiederum das 24-tönige Cembalo von Johannes Keller und ein skordiertes Klavichord als Zuzüger-Instrumente zum konventionellen Instrumentarium des Opernorchesters. Die Premiere fand im Juni 2013 statt.

Juli 2013: CD-Aufnahme „La Pazza“

Der Countertenor Flavio Ferri Benedetti und das Ensemble Il Profondo nahmen im Juli 2013 ihr Album „La Pazza“ auf. Die vereinzelten enharmonischen Passagen im Programm verlangten die Verwendung eines Cimbalo Cromaticos.

Februar 2014: Uraufführung von „Übürall“

Vito Žurajs „Übürall“ wurde im Februar 2014 in Köln uraufgeführt. Das Cimbalo Cromatico wurde von Christoph Prendl gespielt.

April 2014: Workshop in Karlsruhe

Im April 2014 wurde Johannes Keller von der Hochschule für Musik Karlsruhe zu einem zweitägigen Workshop über erweiterte Tasteninstrumente eingeladen.

 

Bibliographie

Anmerkungen   [ + ]

1. Erfahrungsbericht siehe hier: und .

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