Stimmbarkeit der Pfeifen

Orgeln haben üblicherweise feste Stimmungen, die kaum je geändert werden. Dies gilt zumindest für grosse Orgeln und für historische Orgeln, weniger für heutige portable Instrumente. Denn Truhenorgeln werden häufig in sehr unterschiedlichen Umgebungen eingesetzt und sind deshalb so eingerichtet, dass ihre Tonhöhe und ihr Stimmungs-System angepasst werden können.

Wir wissen nicht, ob das Arciorgano stimmbar war oder nicht. Es gibt lediglich bei Vicentino den Hinweis, dass man ein zweites Register bauen könnte, um auf dem oberen Manual als Alternative zur üblichen Stimmung reine Quinten zur Verfügung zu haben (siehe ):

… & si potrà far un’organo che sarà divino accordato con il primo accordo senza quinte perfette. & poi s’aggiognerà un registro con le quinte perfette accordate nel sopradetto modo, secondo l’ordine delle quinte perfette, & nell‘ organo non occorrerà muovere l’accordo di detto stromento come si farà nell’Archicembalo, ho fatto questa digressione per ricordo al Maestro de gli Arciorgani.1… und man könnte eine Orgel machen die göttlich gestimmt sein würde mit dem „primo accordo“ ohne reine Quinten, wobei man ein Register mit reinen Quinten hinzufügen könnte, wie oben beschrieben gestimmt. In der Orgel würde das Umstimmen nicht anfallen, wie es beim Archicembalo nötig ist. Ich habe diesen Exkurs für den Meister der „Arciorgani“ gemacht.

Daraus lassen sich drei Beobachtungen ableiten, die für unser Vorhaben wesentlich sind:

  • Vicentino arbeitete mit unterschiedlichen Stimmungs-Systemen (mindestens zwei)
  • Das Archicembalo wurde zwischen verschiedenen Systemen umgestimmt
  • Die Orgel wird nicht umgestimmt, sondern es sollten zusätzliche Pfeifen gebaut werden, um ein alternatives System zu realisieren

Für unser Arciorgano stellt sich die Frage, ob die Pfeifen grundsätzlich stimmbar gemacht werden sollen oder nicht. Die klanglich sauberste und stabilste Lösung wäre, die Pfeifen beim Bau der Orgel auf die richtige Länge zu schneiden und gegebenenfalls leicht zu korrigieren. Gemäss Jahrhunderten von Erfahrung hält eine so eingerichtete Orgel die Stimmung für mindestens eine Generation, sagt man. Ob dies für Holzpfeifen in einem transportablen Instrument auch der Fall ist, konnte uns bisher niemand garantieren.

Um eine Pfeife bequem stimmbar zu machen, gibt es verschiedene technische Lösungen. Alle haben einen Nachteil gemeinsam: die verändern die Klangfarbe, da bei einer Modifikation der Tonhöhe theoretisch auch der Pfeifenquerschnitt verändert werden müsste, um die Klangqualität aufrecht zu erhalten.

Wir haben in der Werkstatt von Bernhard Fleig verschiedene Methoden von Stimmeinrichtungen an Prototyp-Pfeifen ausprobiert.

Blei- oder Zinnklappe

ZinnklappeEine leicht verformbare Klappe beeinflusst weder Tonhöhe noch Klangfarbe, wenn sie vertikal nach oben zeigt. Mit zunehmendem Einklappen macht sie den Ton tiefer und matter. In beinahe geschlossenem Zustand spricht die Pfeife nicht mehr zuverlässig an und kippt leicht in die Oktave. Beim c (Oktave unter mittlerem c‘) kann die Tonhöhe um gut 30 cent gesenkt werden, bei den höheren Pfeifen auch um einen höheren Wert. Das Metall lässt sich leicht biegen und scheint nicht schnell zu ermüden. Bei Transporten scheint diese Methode nicht optimal, da die Klappen sehr leicht unbeabsichtigt verformt werden können.

Stimmschieber

Ein Holz- oder Metallschieber wird auf der einen Seite der Pfeife eingelassen. Wird er komplett geschlossen, entspricht die Geometrie einer Pfeifen ohne Schieber, entsprechend ist die Tonhöhe und Klangfarbe unverändert. Um zunehmendem Öffnen des Schiebers wird der Ton höher und heller. Diese Methode wird üblicherweise bei heute verwendeten Truhenorgeln mit offenen Holzpfeifen verwendet. Die Position des Schiebers kann bequem, präzise und reproduzierbar angepasst werden. Das Problem bei dieser Methode ist, dass eine durchschnittliche Tonhöhe einer mittleren Schieber-Position entsprechen sollte, um sowohl nach oben wie auch nach unten korrigieren zu können. Diese mittlere Position befindet sich allerdings bereits in einer Zone, in der die Klangfarbe nicht mehr ideal ist. Auch wenn der Pfeifenquerschnitt auf diese mittlere Position berechnet wurde, klingt eine Pfeife mit einem „angefressenen“ Ende nicht gleich ausgewogen wie eine unstimmbare Pfeife. Erfahrungsgemäss sollte der mit einem Stimmschieber abgedeckte Tonhöhenbereich nicht wesentlich grösser als ungefähr 20 cent sein.

Wäscheklammern

WäscheklammerDurch Anbringen von Wäscheklammern verändert sich die Querschnittsfläche am oberen Ende einer Pfeife, wodurch die Tonhöhe sinkt. Für diese Idee bedanken wir uns bei Marco Tiella, der uns bestätigte, dass dieses Prinzip auch bei historischen Orgeln zu finden ist. Massgeschneiderte Klammern oder Reiter können eingerichtet werden, dass sie eine Pfeife um ein präzises Mass umstimmen, was es ermöglicht, mit einem Handgriff von einer Stimmung in die andere zu wechseln. Auch mit dieser Methode wird die Klangfarbe verzerrt.

Ansteckbare Pfeifenstücke

IMG_4629Bei der Herstellung werden die Pfeifen erst einmal deutlich zu lang gemacht. Danach werden sie Schritt für Schritt kürzer gesägt, bis sie fast die Soll-Tonhöhe erreicht haben. Die abgesägten Stücke könnten mit Klammern oder Magneten an die Pfeife angesetzt werden, um ein kontrolliertes und reproduzierbares Absenken der Tonhöhe zu erreichen. Es ist schwierig abzuschätzen, ob die Klangfarben-Verzerrung bei dieser Methode vergleichbar stark ist. Auf jeden Fall ist sie wahrnehmbar. Erstaunlicherweise funktioniert die Verlängerung auch, wenn sie nicht vollkommen dicht an der Pfeife anliegt.

Klebestreifen

KlebestreifenKlebstreifen haben einen vergleichbaren Effekt wie Klammern oder Klappen, allerdings sind sie wesentlich schwieriger in der Handhabung. Da man die Hände zum Andrücken des Klebestreifens über das Pfeifenende halten muss, verändert sich dadurch bereits die Tonhöhe. Es ist kaum möglich, präzise und schnell zu stimmen. Ausserdem ist diese Methode natürlich sehr kurzlebig. Bei den grösseren Pfeifen treten interessante Flatter-Phänomene auf, die man durch ein dickeres Klebeband wahrscheinlich vermeiden könnte.

Fazit

Der Schieber ist die einzige Methode, mit der eine Korrektur der Tonhöhe nach oben möglich ist. Klebeband und Klappe scheinen uns nicht geeignet, da sie die Stimmung sehr unbeständig halten, vor allem in Hinblick auf häufig Transporte. Angesetzte Pfeifenstücke scheinen etwas sperrig, eine zuverlässige Methode zur Befestigung zu finden könnte aufwändig sein. Bleiben Stimmschieber und Klammern. Beim Stimmschieber könnte man nur einen ziemlich kleinen Tonhöhenbereich abdecken (10 cent werden als harmlos bewertet), ohne die Klangfarbe zu beeinträchtigen. Klammern könnten beliebig eingerichtet, nachgerüstet und angepasst werden.

Im Moment stellen wir uns vor, die Orgel beim Bau auf eine Referenz-Stimmung zu bringen, die klanglich ideal ist. Von dieser Stimmung ausgehend werden verschiedene Sätze von Klammern angefertigt, um andere Systeme zu realisieren. Falls sich im musikalischen Alltag zeigen wird, dass die Referenz-Stimmung nicht stabil gehalten wird, werden Stimmschieber nachgerüstet, mit denen die Referenz-Stimmung ausgeglichen werden kann. Alternative Systeme werden weiterhin mit Klammern realisiert.

Es ist uns bewusst, dass der Stimmton der Orgel direkt abhängig von der Lufttemperatur sein wird. Dieses Phänomen auszugleichen streben wir nicht an, was bedeutet, dass andere Instrumente sich jeweils dem Stimmton der Orgel anzupassen haben.

Der nächste Schritt besteht darin, die Abweichungen zwischen den verschiedenen geplanten Stimmungen zu berechnen, um zu entscheiden, welches System sich am besten als Referenz-Stimmung eignet und wie gross die Abweichungen innerhalb einer einzelnen Pfeife sein werden.

 

Bibliographie

 

Anmerkungen   [ + ]

1. … und man könnte eine Orgel machen die göttlich gestimmt sein würde mit dem „primo accordo“ ohne reine Quinten, wobei man ein Register mit reinen Quinten hinzufügen könnte, wie oben beschrieben gestimmt. In der Orgel würde das Umstimmen nicht anfallen, wie es beim Archicembalo nötig ist. Ich habe diesen Exkurs für den Meister der „Arciorgani“ gemacht.

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