Reisebericht Roadtrip Italien

Ende Juli 2015 unternahm die Forschungsgruppe von Studio31 einen Ausflug nach Italien. Dieser Post beschreibt unsere Erlebnisse und umreisst die Erkenntnisse, die für die weitere Planung unserer Instrumente relevant sind.

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Bologna

Orgel von Lorenzo da Prato in San Petronio, Bologna. Quelle: http://www.liuwetamminga.it
Orgel von Lorenzo da Prato in San Petronio, Bologna. Quelle: http://www.liuwetamminga.it

In Bologna trafen wir Liuwe Tamminga, der uns freundlicherweise die Orgel von Lorenzo da Prato in San Petronio zeigte. Sie wurde in den 1470er-Jahren gebaut und überraschte uns mit ihrem sanften und sehr tiefen Klang. Der Principale steht im 24′ und klingt auch in kontrapunktischem Spiel immer noch transparent und tragend. Es wird wieder einmal deutlich, wie berührend ein hochwertiger Klang sein kann. Die Orgel hat geteilte Tasten für gis und as, was uns eigentlich in erster Linie hätte interessieren sollen; aber wir waren so sehr damit beschäftigt, den einzigartigen Klang aufzunehmen, dass dieses enharmonische Detail in den Hintergrund rückte.

Detail der Klaviatur der Orgel von Lorenzo da Prato in San Petronio, Bologna. Quelle: http://www.liuwetamminga.it
Detail der Klaviatur der Orgel von Lorenzo da Prato in San Petronio, Bologna. Quelle: http://www.liuwetamminga.it

Liuwe Tamminga war so freundlich, uns eine schnelle Kompakt-Führung in der wunderbaren Tagliavini-Sammlung zu geben. Dort hatten wir Gelegenheit – nebst der überaus reich bestückten Sammlung historischer Tasteninstrumente – auch das 19-tönige Cimbalo Cromatico aus dem Besitz von Christopher Stembridge zu sehen, das von Denzil Wraight für ihn gebaut wurde.

Instrument von Denzil Wraight, aus dem Besitz von Christopher Stembridge
Instrument von Denzil Wraight, aus dem Besitz von Christopher Stembridge

Siena

Bei einem kurzen Zwischenhalt in Siena trafen wir zufälligerweise auf den Komponisten Salvatore Sciarrino, der dort gerade ein neues Stück einstudierte. Wir trafen dort auch auf den Cellisten Francesco Dillon und die Musikwissenschaftlerin Elena Abbado, die wir gewinnen konnten, bei unserem geplanten Gespräch mit Pier Paolo Donati als Moderatorin teilzunehmen (siehe unten).

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Rom

In Rom trafen wir uns auf dem Gelände der Villa Massimo mit dem Musikwissenschaftler Patrizio Barbieri1Seine wichtigsten Artikel zum Thema enharmonische Instrumente sind in gesammelt und ins Englische übersetzt. und mit dem Komponisten Vito Zuraj2Er hat bereits in verschiedenen Werken ein 24-töniges Cimbalo Cromatico eingesetzt, darunter „Recitativi“, „Restrung“ und „Übürall“.. Mit Patrizio Barbieri führten wir ausführliche Gespräche über Details zur Konstruktion und zum Kontext des Arciorgano. Wir erhalten einige neue Anregungen für das Design der Orgel, sowie Bestätigungen, dass wir im Grossen und Ganzen in einer guten Richtung unterwegs sind.

Mit Vito Zuraj sprechen wir über seine eigene Sicht auf enharmonische Systeme, und wie er kompositorisch damit umgehen wird. Er ist sehr interessiert daran, die Studio31-Instrumente in der Praxis einzusetzen.

Wir lassen uns die Gelegenheit nicht entgehen, die Villa d’Este in Tivoli zu besuchen. Ippolito II. d’Este, der die Villa baute, finanzierte auch Vicentinos Projekte. An Ippolitos Hof entstand L’antica musica ridotta alla prattica moderna3 und er bezahlte möglicherweise auch Vicentinos instrumentenbaulichen Experimente.4Übrigens war Ippolito II. der Neffe von Ippolito I., der dafür bekannt ist, Ariostos Orlando furioso finanziert zu haben.

Kurz vor unserer Weiterreise erhalten wir die Möglichkeit, Ondrej Adamek in der Villa Medici zu besuchen. Er zeigt uns seine Air Machine, die aus technischer Sicht ähnliche Problemstellungen wir unser Arciorgano enthält. Dazu gehören die digitale Steuerung von Winddruck und digital steuerbare Ventile. Die Gespräche mit Ondrej geben uns Anregungen, die insbesondere für die 15-tönige Experimental-Orgel (Prototyp I) relevant sind.

Florenz

In Florenz empfängt uns der Kunsthistoriker und Spezialist für historische italienische Orgeln Pier Paolo Donati. Elena Abbado, die wir in Siena kennengelernt haben, führt ein Gespräch mit Pier Paolo, das uns Einblicke in die vielfältige Welt der italienischen Orgel gibt und seine Sicht auf enharmonische Instrumente darstellt. Er bekräftigt uns darin, die Orgel der silbernen Kapelle in Innsbruck genau zu studieren, da dieses Instrument tatsächlich das einzige erhaltene Exemplar eine Renaissance-Orgel mit Holzpfeifen darstellt. Donati betreute die Restaurieung dieser Orgel in den 1990er-Jahren und hat das Instrument detailliert in  beschrieben.5Weitere Artikel von Donati, die für unser Projekt relevant sind: und Die in diesem Artikel beschriebenen Details werden für Bernhard Fleig die Basis für die Planung der Pfeifen sein.

Valvasone

In Valvasone befindet sich im Duomo eine Orgel von Vicenzo Colombi, der gemäss dem Flugblatt von 15616siehe ; englische Übersetzung und Kommentar siehe . ein Arciorgano für Vicentino baute. Obwohl es sich bei dem Instrument in Valvasone um eine Kirchenorgel handelt, und nicht um ein organo di legno für den Kammer-Gebrauch (zwei Instrumententypen, die wahrscheinlich sehr wenig miteinander zu tun haben)7Die Bedeutung des Begriffs organo di legno wird in einem separaten Post beschrieben., ist diese Instrument eine wichtige Referenz, weil daran viele handwerkliche Details und eine generelle Ästhetik studiert werden können, die möglicherweise auf das Arciorgano übertragen werden können.

Loris Stella8Er ist intimer Kenner der Orgellandschaft des Veneto, die er in folgenden Artikeln beschreibt: . Spezifisch zu Colombi liegt dieser Artikel vor: ., der die Restaurierung der Colombi-Orgel durch die Werkstatt Zanin wissenschaftlich betreute, hat uns grosszügigerweise die Orgel gezeigt und uns Gelegenheit gegeben, ausführlich auf dem Instrument zu spielen und alle Details zu besichtigen.

Der Klang des Instruments ist einzigartig. Nach kurzer Zeit wurde es deutlich, dass ein bestimmtes Genre vom Instrument am meisten unterstützt wird: schlichte vokale Sätze. Die Gesanglichkeit des Instruments ist eine der auffallendsten Qualitäten, was natürlich auch für den Charakter eines Arciorgano das Ziel sein soll.9Gerade auch weil im Text von 1561, , beschrieben wird, dass das Arciorgano sich besonders gut mit Stimmen mische.

In der Kapelle des alten Spitals, in Hörweite vom Duomo entfernt, befindet sich ebenfalls eine historische Orgel eines anonymen Bauers. Es ist ein 4′-Instrument mit nur drei Registern. Ursprünglich war das Instrument portable und hatte zwei Prospekte, von denen jedoch nur der eine sichtbar ist, seit sich die Orgel auf der Empore der Kapelle befindet. Da die Empore früher nur durch eine Strickleiter erschlossen war, blieb die Orgel über Jahrhunderte unverändert erhalten. Das Instrument hat, obwohl es eine Oktave höher klingt, einen vollen und vollwertigen Klang, der sich ebenfalls durch eine grosse Rundheit und Gesanglichkeit auszeichnet. Der Anschlag ist überaus delikat, was es ermöglicht, die Qualität der Ansprache ungewöhnlich differenziert zu gestalten.

Im Anschluss an die Orgelbesichtigungen zeigt und Loris Stella Dokumentationsmaterial der Restaurierung. Er bekräftigt uns in unseren Plänen bezüglich des Arciorganos und bestätigt, dass im Prinzip keine einzige Holzpfeife aus der italienischen Renaissance erhalten ist.10… abgesehen von einzelnen Bass-Pfeifen in Kirchenorgeln, die aber keine zuverlässige Referenz darstellen, weil sie stets als Verlängerung des metallenen Prinzipals funktionieren, und nie als eigenständiges Register gebaut wurden. Eine Ausnahme bildet die Orgel der silbernen Kapelle in Innsbruck, die wahrscheinlich aus dem Umfeld von Mantua stammt. Loris Stella weist zudem darauf hin, dass es aus seiner Sicht durchaus plausibel wäre, davon auszugehen, dass Vicentinos Arciorgano runde Holzpfeifen hatte.

Rovereto

In Rovereto empfängt uns der Architekt, Musikwissenschaftler und Instrumentenbauer Marco Tiella in seiner Sammlung historischer Instrumente. Marco Tiella rekonstruierte in den 1970er-Jahren ein Archicembalo nach Vicentinos Angaben (siehe separater Post). Er zeigt uns verschiedene Instrumente bzw. Details von Instrumenten, die für die Konzeption unseres Arciorganos relevant sein könnten. Dazu gehören eine neapolitanische Orgel mit Stechermechanik, die innerhalb der Windlade ein liegendes Wellenbrett hat. Eine exotische Bauweise, die möglicherweise Platzprobleme im Arciorgano lösen könnte. Unter anderem sehen wir auch eine Bass-Pfeife aus Holz mit spektakulär dünnen Wänden aus Hartholz, sowie eine kleine Holzpfeife aus einer englischen Orgel, wahrscheinlich aus dem 18. Jahrhundert, die in ihrer Bauweise stark an die Pfeifen der Orgel aus der silbernen Kapelle in Innsbruck erinnert.

Im Anschluss führen wir ausführliche Gespräche mit Marco Tiella über unsere Pläne und Entwürfe. Marco Tiella ist der Überzeugung, dass Vicentino keine gleichstufige 31-fache Teilung der Oktave verwendete und bewertet den „secondo modo d’accordare“ als den musikalisch viel interessanteren. Ausserdem weist er darauf hin, dass man mit einem Arciorgano primär konventionelle Musik in einem quasi idealen Stimmungs-System aufführen kann, und nicht nur exotische enharmonische Musik darauf zu spielen hat. Marco Tiella bringt zudem die Nigetti/Bresciani-Handschrift ins Gespräch.11Dieses Dokument, , wird von Patrizio Barbieri in ausführlich analysiert.

Wiesen

In Wiesen treffen wir uns mit Christopher Stembridge, der seit vielen Jahren erweiterte Klaviaturen besitzt und spielt. Besonders interessant ist für uns die 19-tönige Klaviatur nach Descartes, die für eine reine Stimmung ausgelegt ist.

Dank geteilter Untertasten wird es möglich, flüssig in reiner Stimmung zu spielen. Dabei muss stets entschieden werden, in welchem intervallischen Verhältnis man sich bewegt. Musikalisch fällt als erstes natürilch die Reinheit aller konsonanter Klänge auf (sowohl die Quinten wie auch die grossen und kleinen Terzen sind stets rein), an die man sich jedoch nach kürzester Zeit gewöhnt und die nicht mehr aktiv auffällt. Was uns jedoch überraschte war die musikalische Präsenz der beiden Ganztöne (9:8 und 10:9), die zu sehr farbigen und charaktervollen melodischen Effekten führen. Dabei kann der Spieler oft frei entscheiden, wie er die Ganztöne innerhalb einer stufenweise fortschreitender Melodie verteilt. Diese Klaviatur gibt dem Spieler deshalb ausdrucksstarke musikalische Mittel, die weder auf einer konventionellen Tastatur noch auf einem normalen Cimbalo Cromatico vorhanden sind.12Wenn man davon ausgeht, dass in einem normalen Cimbalo Cromatico, bei dem nur die Obertasten geteilt sind, stets eine eindeutige Beziehung zwischen Notation und Taste besteht. Bei der Descartes-Klaviatur besteht diese Beziehung nicht, was dem Spieler die Verantwortung überlässt, die Wahl nach künstlerischen Gesichtspunkten zu treffen.

Christopher Stembridge spielt für uns Frescobaldis Toccata Nona in reiner Stimmung und in mitteltöniger Stimmung auf dem gleichen Instrument. Der klangliche Unterschied besteht nicht nur in verschiedenen intervallischen Qualitäten, sondern auch in einer sehr verschiedenen Ausdruckskraft. Es wird deutlich, dass unser Arciorgano die Möglichkeit bieten können soll, auch in reiner Stimmung gespielt zu werden. Die Implikationen dieses Anspruchs an das Instrument besprechen wir ausführlich mit Christopher.

Brixen

In der Frauenkirche beim Brixner Dom befindet sich eine Orgel von Daniel Herz mit 17 Tasten pro Oktave. Auf unserer Rückreise nach Basel nahm sich Christopher Stembridge grosszügigerweise die Zeit, uns dieses Instrument zu zeigen. Als Instrument an sich hat diese Orgel nichts mit dem Arciorgano zu tun, aber es war für uns von Interesse, eine grosse Orgel mit mehr als 12 Tasten pro Oktave zu hören. Sehr aufschlussreich war für uns das Spielgefühl auf einer vergleichsweise schwergängigen Traktur, mit geteilten Tasten.

Es hat sich gezeigt, dass die Länge der Obertastenglieder höchst relevant für den Spielkomfort ist. Die vorderen Unter-Tasten der Herz-Orgel empfanden wir als eher zu lang, was dazu führt, dass man grosse Wege und Spreiz-Griffe auf sich nehmen muss, um die hinteren Tastenglieder zu erreichen (was gleichzeitig den Vorteil bietet, dass in vieltöniger Musik unerfahrene Spieler bei der Ausführung von nicht-vieltöniger Musik die Anwesenheit der hinteren Tastenglieder kaum bemerkt wird).

Die Herz-Orgel ist ein einzigartiges und faszinierendes Instrument, insbesondere wegen der räumlichen Aufstellung und den vielen technischen Ungewöhnlichkeiten (wie beispielsweise einem Wellenbrett, das um zwei Ecken geführt wird). Von der Restaurierung liegt ein höchst detaillierter Bericht vor: , eine einführende Beschreibung des Instruments befindet sich in .

Zusammenfassung

Nach einer intensiven und inspirierenden Reise haben wir viele Anregungen erhalten, denen wir in den kommenden Monaten nachgehen werden. Dazu gehören insbesondere die Bauweise und Mensurierung der Pfeifen, die Umsetzung alternativer Stimmungs-Systemen, die Aufbereitung weiterer Quellen, das Überdenken der technischen Umsetzung von Windlade und Pfeifenaufstellung.

Es war uns eine Freude und Ehre, Spezialisten auf dem Gebiet von enharmonischer bzw. vieltöniger Musik persönliche kennenzulernen. Wir sind zuversichtlich, dass wir nun alle wesentlichen Sichtweisen auf das Arciorgano versammelt haben und unsere eigene, konkrete handwerkliche Umsetzung dieses bisher stets nur hypothetisch behandelten Instruments realisieren können.

Bibliographie

Anmerkungen   [ + ]

1. Seine wichtigsten Artikel zum Thema enharmonische Instrumente sind in gesammelt und ins Englische übersetzt.
2. Er hat bereits in verschiedenen Werken ein 24-töniges Cimbalo Cromatico eingesetzt, darunter „Recitativi“, „Restrung“ und „Übürall“.
3.
4. Übrigens war Ippolito II. der Neffe von Ippolito I., der dafür bekannt ist, Ariostos Orlando furioso finanziert zu haben.
5. Weitere Artikel von Donati, die für unser Projekt relevant sind: und
6. siehe ; englische Übersetzung und Kommentar siehe .
7. Die Bedeutung des Begriffs organo di legno wird in einem separaten Post beschrieben.
8. Er ist intimer Kenner der Orgellandschaft des Veneto, die er in folgenden Artikeln beschreibt: . Spezifisch zu Colombi liegt dieser Artikel vor: .
9. Gerade auch weil im Text von 1561, , beschrieben wird, dass das Arciorgano sich besonders gut mit Stimmen mische.
10. … abgesehen von einzelnen Bass-Pfeifen in Kirchenorgeln, die aber keine zuverlässige Referenz darstellen, weil sie stets als Verlängerung des metallenen Prinzipals funktionieren, und nie als eigenständiges Register gebaut wurden.
11. Dieses Dokument, , wird von Patrizio Barbieri in ausführlich analysiert.
12. Wenn man davon ausgeht, dass in einem normalen Cimbalo Cromatico, bei dem nur die Obertasten geteilt sind, stets eine eindeutige Beziehung zwischen Notation und Taste besteht. Bei der Descartes-Klaviatur besteht diese Beziehung nicht, was dem Spieler die Verantwortung überlässt, die Wahl nach künstlerischen Gesichtspunkten zu treffen.

Ein Gedanke zu „Reisebericht Roadtrip Italien“

  1. L’incontro nel mio – per così dire – „museo“ con il team della Schola Cantorum fu particolarmente importante e produttivo per lo scambio di informazioni sul progetto di costruzione dell’Arciorgano a Basilea, che era già stato avviato.
    In seguito ebbi il piacere di essere invitato ad un incontro presso la Schola Cantorum dove alcune di quelle considerazioni tecniche furono ulteriormente sviluppate.
    Le mie opinioni sull’imortanza di seguire il modello del somiere dell’organo di Lorenzo da Pavia (1494) a canali traforati – conservato in modeste condizioni presso il Mueo Correr a Venezia – non modificarono l’orientamento dell’organaro Fleig, che prevedeva una meccanica di tipo tradizionale.

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