Kommentar zum Arciorgano-Werbeblatt

Kommentar

(Dieser Kommentar bezieht sich auf das Werbeblatt von 1561, das in einem separaten Post vollständig wiedergegeben und übersetzt ist.)

Der heute nur in einem einzigen Exemplar im Museo Internazionale e Biblioteca della Musica in Bologna (Signatur C. 32) erhaltene Einblattdruck wurde wahrscheinlich von Nicola Vicentino selbst verfasst, obwohl kein ausdrücklicher Autor genannt ist und der Text in einer scheinbar neutralen Position (in ‚dritter Person‘) geschrieben ist. Eine eigentliche Überschrift, Anrede oder Bildschmuck fehlen, ebenso ein in Venedig übliches Druck-Privileg, nur abschliessend gibt es ein Kolophon des Druckers. All dies trägt zum Eindruck einer unaufwendig und rasch gedruckten Gelegenheitspublikation bzw. einer Werbeschrift bei, wie er sich auch aus dem Inhalt ergibt.

Der Text ist übersichtlich in 16 Paragraphen unterschiedlicher Länge gegliedert:

1.  (Z. 1-5) Ankündigung des neuartigen ‚Arciorgano‘ bzw. ‚organo perfetto‘ und Nennen seines Erfinders, Don Nicola Vicentino aus Vicenza

2.  (Z. 6-7) Nennen des Orgelbauers, Vincenzo Colombo in Venedig

3.  (Z. 8-11) technische Aspekte des Arciorgano (wie Länge der Holzpfeifen)

4.  (Z. 12-13) Hervorheben der Transportierbarkeit und des leichten Aufbaus des Instrumentes

5.  (Z. 14-18) weitere technische Aspekte des Arciorgano (wie Anzahl und Anordnung der Pfeifen und der Tasten, usw.)

6.-9.  (Z. 19-35) Vorteile der Orgel durch den grösseren Tonvorrat (etwa für Konsonanzen mit reinen Intervallen oder Begleiten von allen Tonhöhen aus bzw. in allen Ton- und Stimmungsarten)

10.  (Z. 36-37) gebaut mit einem Register

11.  (Z. 38-44) musikalische Möglichkeiten: Spiel in den drei Genera, aber auch von Musik verschiedener Völker und polyphone Kompositionen mit mehr Konsonanzen als üblich

12.-13.  (Z. 45-52) weitere Einsatzmöglichkeiten (wie Unterstützung des Textausdrucks und für rezitativische Musik)

14.  (Z. 53-55) Zielgruppe (adlige Herren und Edelleute)

15.  (Z. 56-58) Erfahrungen mit einem ähnlich eingerichteten Cembalo (Archicembalo) im Besitz von Vicentino

16.  (Z. 59-65) Absicht der Werbeschrift

Die Publikation dieser Werbeschrift zielt eindeutig auf die Bekanntmachung und Anpreisung des Arciorgano, das zu diesem Zeitpunkt (Oktober 1561) neu gebaut worden war.1Das wird bestätigt durch einen Brief Vicentinos am 14. Sept. 1560 aus Venedig an Antoine Perrenot de Granvelle, Bischof von Arras, in dem er den Bau „unʼorgano Chromatico“ erwähnt, dass gerade für ihn dort gebaut würde (Madrid, Real Biblioteca, ms II/2274). Vicentino hatte für die Konstruktion des Instrumentes den venezianischen Orgelbauer Vincenzo Colombo beauftragt, der zu dieser Zeit die Orgeln von San Marco betreute und auch von Gioseffo Zarlino als exzellenter Orgelbauer erwähnt wurde und der ein Monochord für seine harmonischen Experimente gebaut hatte.2Gioseffo Zarlino, Le Istitvtioni harmoniche, Venedig [ohne Druckernennung] 1558, 290 („il rarißimo fabricatore di simili istrumenti Maestro Vicenzo Colombi da Casal maggiore“) bzw. ders., Dimostrationi harmoniche, Venedig: Francesco de i Franceschi Seneso 1571, 219 („Et questo istromento mi fece fare il nostro M. Vincenzo colombi: ottimo fabricatore dʼOrgani, per sua cortesia.“). Zu Colombi siehe auch Corrado Moretti, Lʼorgano italiano, Monza 3/1987 (1/1973), 73-4. Die Beauftragung eines herausragenden Orgelbauers ergibt sich aus den besonderen Anforderungen, eine derartig komplexe Orgel zu bauen, und erklärt auch den deutlichen Hinweis auf die technische Umsetzung „con stupendo artificio“ (Z. 7). Auch für den Druck der Werbeschrift wurde eine bekannte venezianische Offizin beauftragt, die von Niccolò Bevilacqua.3Kontakte Vicentinos zu Venedig bestanden wohl schon zur Zeit seiner Unterrichtung durch Adriano Willaert, auch hatte er bereits im Herbst 1549 ein venezianisches Privileg für den Druck seiner Schriften und seiner musikalischen Betätigung in den Genera beantragt. Allerdings erschienen diese Publikationen dann in Rom und Mailand.

Die Publikation richtet sich an „Principi“ (Z. 11, 59, 61) und im weiteren Sinne auch die „Signori, & gentilhuomini“ (Z. 53). Dies korrespondiert mit einer Passage in Vicentinos Lʼantica mvsica, fol. 10v, in der explizit chromatische und enharmonische Musik für diese soziale Schicht reserviert wird:

„[…] perche con effetto comprendono che (come li scrittori antichi dimostrano) era meritamente ad altro uso la Cromatica & Enarmonica Musica riserbata che la Diatonica, perche questa in feste publiche in luoghi communi à uso delle uulgari orecchie si cantaua: quelle fra li priuati sollazzi de Signori e Principi, ad uso delle purgate orecchie in lode di gran personaggi et Heroi s’adoperauno.“

<weil sie [die zuvor genannten „molti Signori e gentilhuomimi“] letztlich verstehen, dass – wie die antiken Autoren zeigen – chromatische und enharmonische Musik zurecht für einen anderen Gebrauch reserviert war als diatonische, weil diese bei öffentlichen Festen auf öffentlichen Plätzen für den Nutzen gewöhnlicher Ohren gesungen wurde, jene aber bei privaten Unterhaltungen von Herren und Fürsten für den Nutzen geläuterter Ohren zu Ehren grosser Persönlichkeiten und Helden.>

Zugleich versucht Vicentino bei diesem finanziell potenten Adressatenkreis, sich und seine Instrumente für eine entsprechende Unterweisung anzubieten (Z. 64). Konkret belegt ist ein solches Anerbieten Vicentinos an Herzog Wilhelm V. von Bayern im Jahre 1570.4Siehe Bertha Antonia Wallner, „Urkunden zu den Musikbestrebungen Herzog Wilhelms V. von Bayern“, in: Gedenkboek aangeboden aan Dr. D. F. Scheurleer op zijn 70sten Verjaardag, s’Gravenhage [Den Haag]: Nijhoff 1925, 369-77, 369-73.

Das Arciorgano

Obwohl die Idee für ein Arciorgano – analog zum dort beschriebenen Archicembalo – bereits 1555 in Vicentinos Lʼantica mvsica erwähnt wird,5fol. 104v: „& si potrà far unʼorgano che sarà diuino accordato con il primo accordo senza quinte perfette. & poi sʼaggionerà un registro con le quinte perfette accordate nel sopradetto modo, secondo lʼordine delle quinte perfette, & nellʼorgano non occorrerà muouere per ricordo al Maestro de gli Arciorgani.“ scheint es erst 1560/61 erstmals gebaut worden zu sein. Neben einer Medaille mit dem Porträt Vicentinos, auf dessen Rückseite beide Instrumente abgebildet sind, ist die Werbeschrift die wichtigste Quelle über die Beschaffenheit des Instrumentes. Demnach besteht das Arciorgano vollständig aus Holzpfeifen (demnach ein ‚organo di legno‘ mit seinem besonderen Klang), wovon es insgesamt 126 besitzt (Z. 14), die in vier Reihen hintereinander in Mitraform angeordnet sind (Z. 15); so ist es auch auf der Medaille abgebildet. Offensichtlich handelt es sich wegen seiner kunstvollen Anordnung der Pfeifen wie der vielen Tasten um ein Instrument für ‚Aug und Ohr‘ (Z. 15-16). Die Formulierung „in apparentia nella facciata dinanzi“ (Z. 9-10) könnte sowohl konkret den Prospekt, aber auch allgemeiner die Vorderansicht meinen – was jeweils gewichtige Konsequenzen für den Pfeifenaufbau hat. Die längste Pfeife misst 7 Fuss (Z. 8), wobei je nach zugrunde gelegtem Fussmass unterschiedliche Länge resultieren. Denzil Wraight schlug ein venezianisches Fussmass von 347,7 mm vor6Denzil Wraight, „The ‚cimbalo cromatico‘ and other Italian string keyboard instruments with divided accidentals“, in: Schweizer Jahrbuch für Musikwissenschaft N.F. 22 (2002), 105-36, 117., allerdings liessen sich auch andere Masse finden wie insbesondere von Gastone Vio gefundene ‚piedi organici‘ mit einem Fussmass von 265 mm, dies mit einem Beleg aus dem frühen 18. Jahrhundert.7Gastone Vio, „Documenti di storia organaria veneziana“, in: L’Organo 14 (1976), 33-131, 62-3 Fn. 61 (mit Dank an Denzil Wraight für diesen Hinweis). Zu weiteren venezianischen Massen vgl. auch Herbert Heyde, Musikinstrumentenbau 15.-19. Jahrhundert. Kunst – Handwerk – Entwurf, VEB Deutscher Verlag für Musik 1986 (Schriften des Musikinstrumenten-Museums der Karl-Marx-Universität Leipzig 1) , 68-85.

Aus aesthetischen wie praktischen Gründen sind die sieben längsten Pfeifen gekröpft (Z. 9). Dieses erste gebaute Instrument weist nur ein Register auf, weitere Instrumente können aber auch mit weiteren Registern ausgestattet werden (Z. 36-37). Hervorgehoben wird die offenbar wesentliche Transportierbarkeit der Orgel und dass alle in Transportkästen versorgten Bestandteile nicht einmal eine Maultierlast ausmachen (Z. 9-13), was wiederum auf die Absicht der Werbeschrift verweist. Bemerkenswert ist die Verwendung einer Reihe von Fachbegriffen aus dem Orgelbau, wie ‚catenacci‘ (Abstrakte, Z. 14), ‚animelle‘ (Ventile, Z. 15) oder ’sommiero‘ (Windlade, Z. 15); Bälge (‚mantici‘) hingegen werden nicht erwähnt.

Vorzüge des Arciorgano

Neben der Novität des Instrumentes, als dessen ‚Erfinder‘ sich Vicentino mehrfach rühmt (Z. 7, 40, 54, 59 und 61), während der Orgelbauer für die „opera“ zuständig ist (Z. 6), wird an erster Stelle der grössere Tonvorrat genannt (Z. 19-20). Dieser Vorzug des Arciorgano steht noch vor der Nennung des Spiel in den antiken Genera, die zunächst nur indirekt in „tutta la Musica perfetta Diatonica semplice e mista“ (Z. 20) erscheint und erst fünf Absätze später explizit aufgeführt wird (ab Z. 38). Das ist bemerkenswert, standen in Vicentinos Lʼantica mvsica 1555 die Genera noch klar im Vordergrund. Nun aber sind es die Konsonanzen mit reinen Intervallen (wie namentlich Quinten8Dies ist eine Besonderheit der zweiten Stimmung des Archicembalo, siehe Patrizio Barbieri, Enharmonic Instruments and Music 1470-1900. Revised and Translated Studies, Latina: Levante 2008 (Tastata 2), 311-2., grosse und kleine Terzen; Z. 22-24), aber auch ein Begleiten von allen Tonhöhen aus (Z. 25-31), was auf den Praktiker Vicentino verweist, der ganz offensichtlich mit dem Problem von in der Tonhöhe steigenden oder sinkenden Sängern vertraut war. Diesen Vorzug der Instrumente Vicentinos hebt auch Francesco de Salinas in seiner Beschreibung des ‚Archicymbalum‘ hervor.9De Musica libri septem, Salamanca: Mathias Gastius 1577, 166.

Unerwartet für eine Position aus der Mitte des 16. Jahrhunderts ist der genannte Vorzug, zur Begleitung von Musik von „tutte le nationi del mondo“ geeignet zu sein (Z. 40-42).10Auch dieser Aspekt findet sich bereits in L’antica mvsica, fol. 85v („le regole de i Latini & de Toscani […] la lingua Franzese, & Spagnuola, et Tedesca […] canzone Franzese, ne Tedesca, ne spagnuola, ne Vngara, ne Turca, ne Hebrea, ne dʼaltre nationi“). Dies deutet vielleicht weniger auf ein im übrigen ahistorisches Interesse an ‚World Music‘, als vielmehr der ebenfalls ausführlich geschilderte Vorzug, jeden Textausdruck bzw. textbedingten Affekt unterstützen zu können (Z. 45-49).11Vgl. auch Lʼantica mvsica,etwa fol. 48r „il Compositore […] ma sarà solamente obligato à dar lʼanima, à quelle parole, & con lʼArmonia di mostrare le sue passioni, quando aspre, & quando dolci, & quando allegre, & quando meste, & secondo il loro suggietto;“ Dies passt zur Nennung, mittels des Arciorgano rezitativische Musik zu begleiten (Z. 51) – ein Aspekt, der zu diesem Zeitpunkt weit in die musikalische Zukunft weist. So stellt sich das Werbeblatt, das Vicentino 1561 zur Propagierung des Arciorgano drucken liess, zugleich als hochinteressantes musikalisches Manifest heraus.

Anmerkungen   [ + ]

1. Das wird bestätigt durch einen Brief Vicentinos am 14. Sept. 1560 aus Venedig an Antoine Perrenot de Granvelle, Bischof von Arras, in dem er den Bau „unʼorgano Chromatico“ erwähnt, dass gerade für ihn dort gebaut würde (Madrid, Real Biblioteca, ms II/2274).
2. Gioseffo Zarlino, Le Istitvtioni harmoniche, Venedig [ohne Druckernennung] 1558, 290 („il rarißimo fabricatore di simili istrumenti Maestro Vicenzo Colombi da Casal maggiore“) bzw. ders., Dimostrationi harmoniche, Venedig: Francesco de i Franceschi Seneso 1571, 219 („Et questo istromento mi fece fare il nostro M. Vincenzo colombi: ottimo fabricatore dʼOrgani, per sua cortesia.“). Zu Colombi siehe auch Corrado Moretti, Lʼorgano italiano, Monza 3/1987 (1/1973), 73-4.
3. Kontakte Vicentinos zu Venedig bestanden wohl schon zur Zeit seiner Unterrichtung durch Adriano Willaert, auch hatte er bereits im Herbst 1549 ein venezianisches Privileg für den Druck seiner Schriften und seiner musikalischen Betätigung in den Genera beantragt. Allerdings erschienen diese Publikationen dann in Rom und Mailand.
4. Siehe Bertha Antonia Wallner, „Urkunden zu den Musikbestrebungen Herzog Wilhelms V. von Bayern“, in: Gedenkboek aangeboden aan Dr. D. F. Scheurleer op zijn 70sten Verjaardag, s’Gravenhage [Den Haag]: Nijhoff 1925, 369-77, 369-73.
5. fol. 104v: „& si potrà far unʼorgano che sarà diuino accordato con il primo accordo senza quinte perfette. & poi sʼaggionerà un registro con le quinte perfette accordate nel sopradetto modo, secondo lʼordine delle quinte perfette, & nellʼorgano non occorrerà muouere per ricordo al Maestro de gli Arciorgani.“
6. Denzil Wraight, „The ‚cimbalo cromatico‘ and other Italian string keyboard instruments with divided accidentals“, in: Schweizer Jahrbuch für Musikwissenschaft N.F. 22 (2002), 105-36, 117.
7. Gastone Vio, „Documenti di storia organaria veneziana“, in: L’Organo 14 (1976), 33-131, 62-3 Fn. 61 (mit Dank an Denzil Wraight für diesen Hinweis). Zu weiteren venezianischen Massen vgl. auch Herbert Heyde, Musikinstrumentenbau 15.-19. Jahrhundert. Kunst – Handwerk – Entwurf, VEB Deutscher Verlag für Musik 1986 (Schriften des Musikinstrumenten-Museums der Karl-Marx-Universität Leipzig 1) , 68-85.
8. Dies ist eine Besonderheit der zweiten Stimmung des Archicembalo, siehe Patrizio Barbieri, Enharmonic Instruments and Music 1470-1900. Revised and Translated Studies, Latina: Levante 2008 (Tastata 2), 311-2.
9. De Musica libri septem, Salamanca: Mathias Gastius 1577, 166.
10. Auch dieser Aspekt findet sich bereits in L’antica mvsica, fol. 85v („le regole de i Latini & de Toscani […] la lingua Franzese, & Spagnuola, et Tedesca […] canzone Franzese, ne Tedesca, ne spagnuola, ne Vngara, ne Turca, ne Hebrea, ne dʼaltre nationi“).
11. Vgl. auch Lʼantica mvsica,etwa fol. 48r „il Compositore […] ma sarà solamente obligato à dar lʼanima, à quelle parole, & con lʼArmonia di mostrare le sue passioni, quando aspre, & quando dolci, & quando allegre, & quando meste, & secondo il loro suggietto;“

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