Klaviatur Arciorgano: Umfang und Teilung

Zur Tasten-Anordnung und der genauen Geometrie der Tasten wurden bereits zwei Modelle angefertigt. Das erlaubte es uns, die Gestaltung der Klaviatur zu optimieren und die Greifbarkeit möglichst flexibel zu machen. Das erste Modell ist hier dokumentiert, das zweite hier.

Unabhängig von diesen Überlegungen und Optimierungen muss entschieden werden, welchen Umfang die Klaviatur haben soll.

Die wichtigsten Aspekte, die bei dieser Entscheidung eine Rolle spielen, sind folgende.

  1. Welcher Umfang ist musikalisch sinnvoll?
  2. Welche Auskunft geben historische Quellen?
  3. Was ist instrumentenbaulich sinnvoll bzw. realistisch?
  4. Welche Auswirkungen hat der Umfang auf die Transportierbarkeit des Instruments?

Der erste Aspekt kann aus der Perspektive des historisch informierten Spielers betrachtet werden: die meisten chromatisch-enharmonischen Madrigale1Der grösste Teil des Repertoires, das wahrscheinlich auf Instrumenten wie dem Arciorgano ausgeführt wurde, waren solche Madrigale. Dazu gehören Komponisten wie Vicentino, Luzzaschi, Gesualdo, Lacorcia, D’India, M. Rossi, Mazzocchi, und viele weitere. haben in der untersten Oktave eher selten exotische Noten wie desdis oder ges, aber sie sind gelegentlich anzutreffen. Enharmonische Noten sind unterhalb des tiefen F wohl zu vernachlässigen. Das heisst, eine kurze gebrochene Oktave2mit C, D, E, F, Fis, G, Gis, A, Ais, B, H, His, c, … könnte zur Not genügen, eine vollständig chromatische Oktave3C, Cis, Des, D, Dis, Es, E, Eis, F, … wäre jedoch wünschenswert.

Aus der Perspektive eines Komponisten ist es natürlich wünschenswert, eine möglichst feine Teilung möglichst überall auf der Klaviatur zur Verfügung zu haben. Gerade im tiefsten Bereich der Klaviatur könnten Mikro-Cluster interessante Schwebungs-Effekte anbieten. Allerdings stellt sich da die Frage, inwieweit so tiefe Holzpfeifen Unterschiede von weniger als Fünfteltönen noch sinnvoll wiedergeben können. Orgelpfeifen tendieren dazu, sich gegenseitig in der Intonation anzuziehen, d.h. unter Umständen sind gewisse Kleinst-Intervalle gar nicht mehr darstellbar.

Der zweite Punkt lässt sich primär mit dem Flugblatt von 1561 beantworten. Es gibt zwar keine explizite Auskunft über den Umfang der Klaviatur, jedoch findet man folgenden Hinweis: „Die längste Pfeife misst sieben Fuss, aber damit es [das Instrument] bequem transportiert werden kann, sind die sieben grössten Pfeifen von oben nach unten gebogen worden, so dass die längste Pfeife in der vorderen Frontseite nur fünf Fuss lang erscheint.“. Primär ist dies ein Hinweis, dass das Instrument eine 8-Fuss-Basis hat, und nicht etwa ein 6-Fuss- oder 4-Fuss-Instrument ist. Zudem gibt es die wertvolle Information, dass die Pfeife Nr. 8 mit grösster Wahrscheinlichkeit kleiner als fünf Fuss war. Wäre sie länger als fünf Fuss, müssten mehr als die sieben tiefsten Pfeifen gekröpft werden, um eine sinnvolle Pfeifen-Anordnung zu erhalten. Würde das enharmonische System (mit 36 Stufen pro Oktave) ab dem tiefen C angewendet, wäre die Pfeife Nr. 8 jedoch deutlich länger als fünf Fuss. Auf diese Länge kommt man relativ genau, wenn man nur Pfeifen des unteren Manuals baut. Es wäre also naheliegend, das enharmonische System erst ab dem tiefen F vollständig auszubauen, und darunter nur das chromatische System mit 19 Tasten pro Oktave anzuwenden.

Der dritte Punkt kann mit einem einfachen Grundsatz behandelt werden: je weniger Bass-Pfeifen desto besser. Die tiefen Pfeifen benötigen sehr viel Material und sind dadurch teuer. Ausserdem sind sie schwer und konsumieren viel Wind, was die Dimensionierung des ganzen Instruments schwerfälliger werden lässt. Eine normale kurze Oktave wäre deshalb die einfachste Lösung.

Der vierte Punkt ist für unser Vorhaben von grosser Bedeutung. Die tiefste Pfeife ist rund 2.10m lang, einige kg schwer und relativ sperrig zu transportieren. Es ist also wünschenswert, die Anzahl der Pfeifen dieser Grössenordnung so weit wie möglich zu reduzieren.

Klaviatur Arciorgano

Wir haben uns schliesslich dazu entschieden, das untere Manual von C-c“‘ durchgehend mit 19 Tasten pro Oktave auszubauen, das obere Manual jedoch erst beim tiefen F beginnen zu lassen, um es dann mit 17 Tasten pro Oktave bis zum c“‘ auszubauen. Das ergibt 138 Tasten insgesamt.

Anmerkungen   [ + ]

1. Der grösste Teil des Repertoires, das wahrscheinlich auf Instrumenten wie dem Arciorgano ausgeführt wurde, waren solche Madrigale. Dazu gehören Komponisten wie Vicentino, Luzzaschi, Gesualdo, Lacorcia, D’India, M. Rossi, Mazzocchi, und viele weitere.
2. mit C, D, E, F, Fis, G, Gis, A, Ais, B, H, His, c, …
3. C, Cis, Des, D, Dis, Es, E, Eis, F, …

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