Arciorgano

Unser Arciorgano, das sich zur Zeit im Bau befindet, ist eine hypothetische Rekonstruktion, die sich an den Instrumenten von Nicola Vicentino orientiert. Im folgenden wird unsere Interpretation der historischen Hinweise dargestellt.

Medaille, Alessandro Vittoria zugeschrieben, einzige erhaltene bildliche Darstellung von Vicentinos Orgel
Medaille, Alessandro Vittoria zugeschrieben, einzige erhaltene bildliche Darstellung von Vicentinos Orgel

Register: 8′-Basis, ein Register, C-c“‘, durchgehend offene Holzpfeifen. Die Grundlage dieser Entscheidung ist das Flugblatt von 1561, das hier übersetzt ist und hier kommentiert wird.

Sich im Bau befindende Holzpfeifen in der Werkstatt von Bernhard Fleig

Mensur und Pfeifen-Bauweise: nach der Orgel in der silbernen Kapelle in Innsbruck. Dieses Instrument ist die einzige erhaltene Orgel mit Holzpfeifen, die aus einem weltlichen Kontext des 16. Jahrhunderts stammt. Das macht es zu wichtigsten Referenz für die Mensurierung und Bauweise der Pfeifen. Über „organi di legno“ im Allgemeinen siehe hier, die Orgel der silbernen Kapelle in Innsbruck wird von ausführlich dokumentiert.


Pfeifenaufstellung: mitra-förmig, drei Reihen auf der Windlade, zwei Reihen mit den tiefsten Pfeifen ausserhalb des Gehäuses. Die Form der Pfeifenaufstellung entspricht ebenfalls der Beschreibung im Flugblatt von 1561. Darüber hinaus gibt es auch technische Vorteile: der Windfluss in der Windlade ist besser, wenn die tiefen Pfeifen mit hohem Windverbrauch in der Mitte stehen. Damit werden die Winddruck- und damit auch die Intonationsschwankungen bei den hohen Pfeifen reduziert. Zudem ermöglicht es, dass in der Skala aufeinanderfolgende Pfeifen nicht in direkter Nachbarschaft stehen, was ihre gegenseitige Beeinflussung minimiert.

Orgel in der silbernen Kapelle
Orgel der silbernen Kapelle Innsbruck

Mechanik: hängende Traktur mit Wellenbrett. Auch hier folgen wir dem Flugblatt von 1561. Ausserdem wäre die mitra-förmige Aufstellung ohne Wellenbrett kaum realisierbar. Versuche über die Bauweise des Wellenbretts werden hier beschrieben.

Wellenbrett


Klaviatur: 36 Tasten pro Oktave, 19 Tasten auf dem unteren Manual (sämtliche Obertasten geteilt, zusätzliche Obertasten zwischen e und f sowie zwischen h und c), 17 Tasten auf dem oberen Manual (Anordnung wie im Untermanual, jedoch ohne Obertasten zwischen e und f sowie zwischen h und c). Unteres Manual C-c“‘ durchgehend 36-tönig, oberes Manual F-c“‘, durchgehend 36-tönig. Die prinzipielle Gestaltung der Klaviatur orientiert sich an Vicentinos Beschreibungen und Plänen (siehe ), nach einem ersten Modell (siehe hier) wurde ein optimiertes Modell (siehe hier) entwickelt. Die finale Ausgestaltung der Klaviatur wird hier beschrieben.

Fertige Klaviatur


Windversorgung: zwei seitlich am Gehäuse angehängte Keilbälge, Betrieb durch Muskelkraft oder möglicherweise Servomotoren. In den Quellen finden sich keinerlei Angaben zur Windversorgung. Die von uns gewählte Lösung scheint uns historisch gesehen am naheliegendsten.


Stimmton: a‘ = ca. 490 Hz. Das entspricht ungefähr einem Ganzton über 440 Hz. Die Wahl der Stimmtons scheint uns historisch plausibel, vor allem aber reduziert sie die Gesamthöhe des Instrumentes signifikant: auf a‘ = 440 Hz würde die längste Pfeife rund 30cm länger werden. Um Gewicht, Höhe und Material zu sparen, entschieden wir uns für einen hohen Stimmton. Eine mechanische Transponier-Vorrichtung wäre zwar wünschenswert, ist jedoch bei einer hängenden Traktur nicht mit einfachen technischen Mitteln realisierbar. Da die Pfeifen nicht nachstimmbar sind, wird der Stimmton abhängig von der Lufttemperatur schwanken.


Stimmung: keine Stimm-Einrichtung an den Pfeifen. Basis-Stimmung voraussichtlich 31-stufig, modifizierbar durch aufsteckbare Stimmkeile. Beliebige Stimmungen sollen realisierbar sein. Versuche mit den verschiedenen Methoden, einzelne Pfeifen stimmbar zu machen werden hier beschrieben.


Abmessungen: ca. 1.50m breit, ca. 1m tief, Höhe ca. 2.30m.


Bibliographie