Vieltönigkeit statt Mikrotonalität – Konzepte und Praktiken ‘mikrotonaler’ Musik des 16. und 17. Jahrhunderts

(Der Beitrag erschien zuerst in dem wichtigen Stuttgarter Kongressbericht Mikrotonalität – Praxis und Utopie, hg. von Cordula Pätzold & Caspar Johannes Walter, Mainz: Schott 2014 [Stuttgarter Musikwissenschaftliche Schriften 3], 85-113. An English version „‘Vieltönigkeit’ instead of Microtonality. The Theory and Practice of Sixteenth- and Seventeenth-Century ‘Microtonal’ Music“ is published in: Paulo de Assis (ed.), Experimental Affinities in Music, Leuven: Leuven University Press 2015 (Orpheus Institute Series), 64-90 and as Open Access PDF.)

‘Mikrotöne’ wie ‘Mikrotonalität’ sind sowohl vom Namen wie von den dahinter stehenden Konzepten ein Phänomen der jüngeren Musikgeschichte, was bereits ein Blick in die Fachlexika zeigt: So kennt etwa das Riemann Musik-Lexikon (1967) den Begriff gar nicht und auch in der „alten“ MGG erscheinen Mikrotöne nur als Übersetzung der engl. „Microtones“ (u.a. bezogen auf das Werk von Edgard Varèse). Hingegen gibt es einen eigenen Artikel im New Grove (2001): Dort findet sich zwar eine pragmatische Definition („Any musical interval or difference of pitch distinctly smaller than a semitone.“), aber auch der Hinweis, dass der Gebrauch von Mikrotönen in „Western art music“ vor allem ein Phänomen des 20. Jahrhunderts sei (mit Hinweis auf Komponisten wie Julián Carrillo, Alois Hába oder Charles Ives).1Paul Griffiths, Mark Lindley & Oannis Zannos, Art. „Microtone“, in: NGrove2 16 (2001), 624-5. Auch unter dem Lemma „Viertelton“ – ja eine relativ eingeschränkte Form von Mikrotonalität und nach Klaus Huber schlicht ein erweitertes oder potenziertes Halbtonsystem der von ihm bemängelten „Pan-Chromatik“ –2Siehe Hubers Beiträge, gesammelt in Max Nyffeler (Hg.), Klaus Huber, Umgepflügte Zeit. Schriften und Gespräche, Köln: MusikTexte 1999 (edition MusikTexte 006), insbesondere „Nähe und Distanz. Zum Streichtrio ‘Des Dichters Pflug’“ (pp. 224-34) und „Für einen lebendigeren Orgelklang. Stimmungssysteme, Temperatur, Mikrotonalität“ (pp. 83-8). würde man fündig werden, allerdings ebenfalls mit Belegen erst ab dem Ende des 19. Jahrhunderts.

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Anmerkungen   [ + ]

1. Paul Griffiths, Mark Lindley & Oannis Zannos, Art. „Microtone“, in: NGrove2 16 (2001), 624-5.
2. Siehe Hubers Beiträge, gesammelt in Max Nyffeler (Hg.), Klaus Huber, Umgepflügte Zeit. Schriften und Gespräche, Köln: MusikTexte 1999 (edition MusikTexte 006), insbesondere „Nähe und Distanz. Zum Streichtrio ‘Des Dichters Pflug’“ (pp. 224-34) und „Für einen lebendigeren Orgelklang. Stimmungssysteme, Temperatur, Mikrotonalität“ (pp. 83-8).