Spielen auf der Fokker-Orgel

Im Januar 2016 hatte ich die aussergewöhnliche Gelegenheit, ein Rezital auf der Fokker-Orgel im Kleine Zaal des Muziekgebouw Amsterdam vorzubereiten (die Aufführung war Teil der Konzert-Reihe der Huygens-Fokker-Stiftung). In diesem Beitrag berichte ich von den Erfahrungen mit der Orgel und von den Erkenntnissen, die sich auf die Arbeit mit historischen vieltönigen Klaviaturen auswirken.

Spielen auf der Fokker-Orgel weiterlesen

Vieltönigkeit statt Mikrotonalität – Konzepte und Praktiken ‘mikrotonaler’ Musik des 16. und 17. Jahrhunderts

(Der Beitrag erschien zuerst in dem wichtigen Stuttgarter Kongressbericht Mikrotonalität – Praxis und Utopie, hg. von Cordula Pätzold & Caspar Johannes Walter, Mainz: Schott 2014 [Stuttgarter Musikwissenschaftliche Schriften 3], 85-113. An English version „‘Vieltönigkeit’ instead of Microtonality. The Theory and Practice of Sixteenth- and Seventeenth-Century ‘Microtonal’ Music“ is published in: Paulo de Assis (ed.), Experimental Affinities in Music, Leuven: Leuven University Press 2015 (Orpheus Institute Series), 64-90 and as Open Access PDF.)

‘Mikrotöne’ wie ‘Mikrotonalität’ sind sowohl vom Namen wie von den dahinter stehenden Konzepten ein Phänomen der jüngeren Musikgeschichte, was bereits ein Blick in die Fachlexika zeigt: So kennt etwa das Riemann Musik-Lexikon (1967) den Begriff gar nicht und auch in der „alten“ MGG erscheinen Mikrotöne nur als Übersetzung der engl. „Microtones“ (u.a. bezogen auf das Werk von Edgard Varèse). Hingegen gibt es einen eigenen Artikel im New Grove (2001): Dort findet sich zwar eine pragmatische Definition („Any musical interval or difference of pitch distinctly smaller than a semitone.“), aber auch der Hinweis, dass der Gebrauch von Mikrotönen in „Western art music“ vor allem ein Phänomen des 20. Jahrhunderts sei (mit Hinweis auf Komponisten wie Julián Carrillo, Alois Hába oder Charles Ives).1Paul Griffiths, Mark Lindley & Oannis Zannos, Art. „Microtone“, in: NGrove2 16 (2001), 624-5. Auch unter dem Lemma „Viertelton“ – ja eine relativ eingeschränkte Form von Mikrotonalität und nach Klaus Huber schlicht ein erweitertes oder potenziertes Halbtonsystem der von ihm bemängelten „Pan-Chromatik“ –2Siehe Hubers Beiträge, gesammelt in Max Nyffeler (Hg.), Klaus Huber, Umgepflügte Zeit. Schriften und Gespräche, Köln: MusikTexte 1999 (edition MusikTexte 006), insbesondere „Nähe und Distanz. Zum Streichtrio ‘Des Dichters Pflug’“ (pp. 224-34) und „Für einen lebendigeren Orgelklang. Stimmungssysteme, Temperatur, Mikrotonalität“ (pp. 83-8). würde man fündig werden, allerdings ebenfalls mit Belegen erst ab dem Ende des 19. Jahrhunderts.

Vieltönigkeit statt Mikrotonalität – Konzepte und Praktiken ‘mikrotonaler’ Musik des 16. und 17. Jahrhunderts weiterlesen

Anmerkungen   [ + ]

1. Paul Griffiths, Mark Lindley & Oannis Zannos, Art. „Microtone“, in: NGrove2 16 (2001), 624-5.
2. Siehe Hubers Beiträge, gesammelt in Max Nyffeler (Hg.), Klaus Huber, Umgepflügte Zeit. Schriften und Gespräche, Köln: MusikTexte 1999 (edition MusikTexte 006), insbesondere „Nähe und Distanz. Zum Streichtrio ‘Des Dichters Pflug’“ (pp. 224-34) und „Für einen lebendigeren Orgelklang. Stimmungssysteme, Temperatur, Mikrotonalität“ (pp. 83-8).

Nicola Vicentino (1511-1577) – ein biographischer Abriss

Über das Leben von Nicola Vicentino (1511-1577) sind nur vergleichsweise wenige Fakten bekannt. Eine Zusammenstellung der verstreut vorliegenden Informationen führt gleichwohl zu einer spannenden und wechselvollen Biographie, die wichtige Hinweise für die Kontextualiserung seiner Musik und seiner musikalischen Ideen bietet.

Nicola Vicentino (1511-1577) – ein biographischer Abriss weiterlesen

Kommentar zum Arciorgano-Werbeblatt

Kommentar

(Dieser Kommentar bezieht sich auf das Werbeblatt von 1561, das in einem separaten Post vollständig wiedergegeben und übersetzt ist.)

Der heute nur in einem einzigen Exemplar im Museo Internazionale e Biblioteca della Musica in Bologna (Signatur C. 32) erhaltene Einblattdruck wurde wahrscheinlich von Nicola Vicentino selbst verfasst, obwohl kein ausdrücklicher Autor genannt ist und der Text in einer scheinbar neutralen Position (in ‚dritter Person‘) geschrieben ist. Eine eigentliche Überschrift, Anrede oder Bildschmuck fehlen, ebenso ein in Venedig übliches Druck-Privileg, nur abschliessend gibt es ein Kolophon des Druckers. All dies trägt zum Eindruck einer unaufwendig und rasch gedruckten Gelegenheitspublikation bzw. einer Werbeschrift bei, wie er sich auch aus dem Inhalt ergibt.

Kommentar zum Arciorgano-Werbeblatt weiterlesen

Organi di legno

Im 1561 publizierten Werbeblatt zum Arciorgano heisst es in der Beschreibung des Instruments in Zeile 8: „Tutte le canne son fatte di legno accioche stia lungo tempo accordato, e renda dolce intonatione;“ (Alle Pfeifen sind aus Holz gemacht, damit das Instrument die Stimmung lange halte und eine liebliche <‚dolce‘> Intonation habe.) Demnach handelt es sich bei dem Arciorgano um ein organo di legno, das in zeitgenössischen Quellen des 16. und 17. Jahrhunderts öfters genannt wird, heute aber weitgehend in Vergessenheit geraten ist und meist durch eine Orgel mit gedackten Holzpfeifen ersetzt wird. Dieser Post stellt einige der Quellen dieses speziellen Orgel-Typs zusammen.

Schedoni: Santa Cecilia

Organi di legno weiterlesen

Forschungstreffen 3./4. September

Am 3. und 4. September 2015 trafen sich Christopher Stembridge und Marco Tiella mit der Forschungsgruppe von Studio31 und weiteren Gästen, um über offene Fragen rund um die konkrete Planung des Arciorgano zu sprechen. Diese Diskussionen bilden den Abschluss der Planungsphase des Instrumentes.

Forschungstreffen

Forschungstreffen 3./4. September weiterlesen

Das Projekt Studio31

Studio31 ist ein Forschungsprojekt der Hochschule für Musik Basel in Kooperation mit der Schola Cantorum Basiliensis, mit einer Finanzierung durch das KTI. Das Projekt läuft für rund zwei Jahre ab Juni 2015. Im Zentrum des Projekts steht die Entwicklung einer enharmonischen Orgel mit 36 Tasten pro Oktave und eines enharmonischen Cembalos mit 31 Tasten pro Oktave.

Klaviatur 3D

 

Das Design der Instrumente beruht auf Quellen und Instrumentenbau-Traditionen des 16. und 17. Jahrhunderts. Der wichtigste Autor im Bereich der enharmonischen Musik und des entsprechenden Instrumentariums ist Nicola Vicentino, dessen Traktat L’antica musica ridotta alla prattica moderna zahlreiche Generationen von Komponisten, Theoretikern und Instrumentenbauer beeinflusst hat.

Von den beiden Instrumente ausgehend wird im Rahmen von Studio31 auch der musikgeschichtliche Kontext erforscht. Wer kannte Vicentinos Instrumente? Wer spielte darauf? Welche Musik entstand im Umfeld solcher Instrumente? Woher nahm Vicentino seine Idee? Wie hat er musikalisch gearbeitet?

Ein weiterer zentraler Aspekt des Forschungsprojekts ist die Anwendung im Bereich der zeitgenössischen Musik. Die enharmonischen Klaviaturen sind einerseits bequem zu spielen, da sie auf dem Layout einer konventionellen Klaviatur aufbauen, andererseits stellen sie aber auch unzählige neue Intervalle innerhalb der gewohnten Hand-Spanne zur Verfügung. Wie kann man kompositorisch damit umgehen? Wie weit wird das kompositorische Denken von konkreten Greif- und Denkweisen beeinflusst?

Um die Verbindung zu einem Aufführungskontext der Neuen Musik leichter zu gestalten, werden beide Instrumente mit Sensoren und Selbstspiel-Einheit ausgestattet, was die musikalischen Möglichkeiten nochmals vergrössert.

Das Forschungsprojekt widmet sich auch konkreten Anwendungsbereichen: Einstudierung und Aufführung historischer Stücke, Entwicklung zeitgenössischer Werke, Einsatz in der Ausbildung von Musikern.

Dieser Blog ist eine Materialsammlung und eine Dokumentation der Arbeiten rund um das Forschungsprojekt.

Workshops und Seminare vor „Studio31“

Bis im Sommer 2015 fanden zahlreiche Workshops, Seminare und Konzerte statt, die in ihrer Summe den Ausschlag gaben, das Forschungsprojekt „Studio31“ ins Leben zu rufen. Dieser Post fasst diese Aktivitäten zusammen.

Workshops und Seminare vor „Studio31“ weiterlesen